Education on the T
Aus einem Deutschland kommend, in dem Diskussionen über Veränderungen in der Bildungspolitik und die Einführung von Eliteuniversitäten zum guten Ton gehören, war ich äußerst überrascht, dass Werbung für Bildung überhaupt möglich ist.
Bildung ist Sache des Staats (Bundeslands)?
Ist (war!) in good old Germany Bildung ein Gut, das einem der Staat zwangsweise aufdonnert, so ist kaum Werbung für Bildung zu sehen. Da müssen Sie schon in der Zeit blättern, wo irgendwelche privaten Internatsschulen eine Anzeige schalten, oder Sie bekommen frei Haus das Programm der örtlichen (natürlich subventionierten) VHS. In Boston hingegen ist die T gepflastert mit Anzeigen der einzelnen Bildungsinstitute. Harvard, MIT, aber auch die kleineren Colleges werben mit Slogans wie: „xyz, where your career starts“ für MBA‑Programme und andere betriebswirtschaftliche Berufe oder: „Eat, breathe, sleep photography. We do.“ für eher künstlerisch‑gestalterische Bereiche. Abendgymnasium und Krankenpflegerausbildung – alles kann man in der T und im Boston Globe sehen. Flyer aller Orten, die einem eine gute Zukunft mit guter Ausbildung versprechen.
Bildungssysteme sind nicht vergleichbar
Nun, das amerikanische System ist mit dem deutschen Ausbildungssystem nicht wirklich vergleichbar. Während unsereins kostenfrei studiert hat und nun über geplante bzw. neuerdings eingeführte Studiengebühren* in Rage gerät, ist Bildung hier schon immer etwas gewesen, wofür bezahlt werden musste. Kräftig bezahlt werden muss.
Der Harvard‑Undergrad‑Student zahlt für das Jahr an die 40.000 Dollar Studiengebühren (das war in 2005), muss sich entscheiden, welche Vorlesungen er hören will, und muss nach drei Vorlesungsstunden dann auch dafür bezahlen – auch wenn der Professor nur Müll erzählen sollte.
Bildungspräsenz
Was ich mich nun die ganze Zeit gefragt habe, ist, ob die vermehrte Präsenz von Bildung im täglichen Leben (eben allein durch Anzeigen in der T und in der Tageszeitung) die Wichtigkeit von Bildung verstärkt – oder ob sie, wie beim Ansehen von Werbung für Strumpfhosen oder Bier, irgendwann zur Nichtbeachtung, zur Gewohnheit wird.

Nun, Anzeigen für Schulen, Universitäten und Institute sind eines – und mit Sicherheit ganz positiv zu sehen. Es fällt dem Studierenden leichter, Informationen zu sammeln, und vielleicht wird die Entscheidung, was man später einmal studieren möchte, ganz nebenbei in der T gefällt. Wäre nicht schlecht. Fragen Sie mal einen Abiturienten, was er denn nach dem Abi machen möchte – so erhalten Sie kaum eine Antwort darauf. Oftmals aus dem Grund, dass die Schulabgänger sich gar nicht über die Vielfalt der möglichen Angebote im Klaren sind.
Bildung hat ihren Preis …
Dass Bildung einen Preis hat, ist prinzipiell auch keine schlechte Idee. Nur was einen Preis hat, ist auch etwas wert. Das spricht sich offenbar auch in Deutschland herum.
Aber wer kann das bezahlen? Für wen steht die Bildung offen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, der besten Universitäten und gleichzeitig der meisten Menschen, die weder lesen noch schreiben können oder überhaupt einen Bildungsabschluss erreichen?
So kann die eine Hälfte vielleicht zum Mond fliegen und den Durchbruch in der Stammzellforschung erzielen, die andere Hälfte ist froh, wenn sie Waren im Supermarkt identifizieren kann. Okay, ich zeichne ein krasses Bild. Ich habe hier in Boston nur Menschen kennengelernt, die zur Uni gehen konnten und eine hervorragende Bildung hatten. Was aber, wenn man zur anderen Seite gehört?
In all den Überlegungen über Studiengebühren und der Frage, wie Deutschland seine Unis verbessern sollte und kann, sollte ein wichtiger Punkt darin liegen, eine Möglichkeit zu bieten, wenigstens ein Grundstudium frei zu ermöglichen – und dann Studierenden mit guten Abschlüssen ein weiteres Freistudium zu ermöglichen. Ansonsten Studiengebühren zu verlangen …
Ich weiß nicht, was richtig ist …
Ich weiß nicht, was richtig ist, weiß auch nicht, welches System besser ist. Mit Reformen der Uni wird es nicht getan sein. Ein tiefer Glaube bestärkt die deutsche Gesellschaft darin anzunehmen, dass für das Kind bis drei Jahre die Mutter und die häusliche Umgebung offensichtlich das Beste und einzig Richtige im Umgang mit Kindern darstellen. Unbestritten ist die optimale Aufnahme‑ und Lernfähigkeit genau in dieser Phase – also lange bevor das deutsche Bildungssystem überhaupt greift. Sicher können wir lebenslang lernen, aber hier werden wichtige Weichen für das spätere Leben gestellt. Fremdsprachen werden ohne nachzudenken und ohne Vokabelpauken gelernt, Informationen verknüpft und die Basis allen späteren Lernens gelegt.
Bildung von Anfang an
Wie immer versteckt sich schon in der Sprache die unterschiedliche Einstellung zur vorschulischen Bildung. Spricht man bei uns von Erziehern oder „nett“ von der Kindergartentante (ich habe meine immer mit Tante angesprochen), so handelt es sich in den USA um einen teacher for early education …
*Studiengebühren wurden inzwischen wieder abgeschafft. Private Universitäten gibt es in Deutschland auch 2026 noch sehr wenige. Was wirklich besser ist? Ich denke, es kommt darauf an, was man persönlich aus den Bildungsangeboten macht 🙂


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