Mein Mann und ich sind mit unserem fast einjährigen Sohn Oliver für – erst mal – zwei Jahre in die USA „ausgewandert“. Das war 2003. Im Rückblick eine ganz andere Zeit, ganz andere Erfahrungen und doch irgendwie „all the same“. Ein Großteil der Texte ist zwischen 2003 und 2005 entstanden. Aktualisierungen zur momentanen Situation in den USA sind in den Jahren 2009, 2013 und 2025 hinzugekommen und sind an den verschiedensten Stellen immer wieder eingeflossen, dann aber dementsprechend kenntlich gemacht.
Gelockt vom wissenschaftlichen Renommee des „Athens der Neuzeit“, haben wir uns für einen Aufenthalt in der europäischsten Stadt der Vereinigten Staaten entschieden: BOSTON, MA.
Es war nicht mein first contact mit der neuen Welt und so dachte ich, ich weiß, was auf uns zukommen wird.
Wir sind immer in dem Glauben durch Radio und TV (und heute mithilfe des Internets) die Welt zu kennen. Fernsehserien suggerieren uns eine Welt, die doch nahezu identisch ist mit der, wie ich sie aus good old Germany kenne. Aber: „Things are different“. Es sind mehr die Kleinigkeiten des Alltags, die einem verwundern oder zum Staunen bringen. Dinge, die man immer für ganz normal und selbstverständlich gehalten hat, funktionieren hier anders, manchmal besser manchmal schlechter.
Living in America –
NO! Living in Boston!
Obwohl ich ziemlich viel zu mosern habe, lebe ich wirklich gerne hier, hatte noch nie Heimweh und weiß auch nicht, ob ich zurück möchte. Dies sollte der geneigte Leser immer im Hinterkopf behalten, wenn die Kritik an den USA an manchen Stellen doch ein wenig harsch ausfällt.
Welcome at Boston, Logan Airport
March 2, 2003: da sind wir in einem verregneten Boston gelandet. Der Pilot unseres LH-Fluges 422 versprach Temperaturen um 5°C, tief hängende Wolken und leichten Regen. Was uns erwartet, war ein Sintflutartiger Regenfall, die gefühlten Temperaturen lagen gleich noch tiefer. Wir, übernächtigt, Oliver hungrig und die Trolleys voller Umzugskartons und Rucksäcke, harren der Dinge, die auf uns zukommen sollten. Auf diesem fremden Kontinent, den wir zu bewohnen uns die nächsten zwei Jahre entschieden haben.
Das Erste, besser gesagt: DER ERSTE, der auf uns zukommen sollte, war Bernie unser Vermieter. Er hatte per E-Mail versprochen uns am Flughafen abzuholen. Wir halten also Ausschau nach einer männlichen Person, die ein Schild mit unserem Namen in die Höhe hält. Das Gedränge ist groß, jeder will hier jemanden abholen und begrüßen. Dazwischen ein dienstbeflissener Officer, der alle drängt weiterzugehen. Da stehen wir also vor dem Flughafen, ohne Bernie. Inzwischen bemerken wir, dass wir unseren Autositz für Oliver bei irgendeiner der endlosen Sicherheits- und Zollkontrollen vergessen haben. Uli geht zurück, versucht sein Bestes. Nach langem Warten und keiner anderen Idee (außer ein Großraum-Taxi zu nehmen) lässt Uli Bernie ausrufen. Der steht glücklicherweise direkt neben dem Informationsschalter und ein „oh, that’s me“ löst schon mal unser ärgstes Problem für den Moment. Aber der Kindersitz! Auch das ist kein Problem: Bernies Minivan hat so was integriert. All` die Gepäckstücke, die in Deutschland mit zwei Autos transportiert werden mussten, verschwinden hier ohne Probleme im Kofferraum des Vans. Die Fahrt beginnt.

Völlig taub, vom Druck auf den Ohren, der mich nach jedem Flug quält, muss ich einer Diskussion über „Sicherheitsaspekte in Krankenhäusern“, Uli’s Postdoc Forschungsthema, folgen. Bernie ist Fachmann, hat seine eigene Computerfirma. Den Überblick über Boston aber offensichtlich nicht[1]. Wir wenden zweimal, da Bernie den Eindruck hat, dies sei nicht die richtige Straße, finden dann aber doch unseren Weg zu unserer neuen Wohnung.
[1] Siehe auch „Straßen kommen und gehen…“


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