Während unserer Zeit in den USA war die Atkins Diät gerade auf ihrem Höhepunkt, gefolgt von der Southbeach Diät. Alle unsere (amerikanischen) Bekannten und Freunde waren entweder auf einer dieser Abnehmkuren, oder diskutierten wenigstens darüber. Kohlenhydrate waren verpönt, nur Proteine sind gute Nährstoffe und helfen den von Übergewicht geplagten Menschen beim Abnehmen. Überall im Supermarkt gab es jetzt nicht nur die low-fat sondern auch die low-carb Version des geliebten Produkts (z.B. Käse oder Bagel).
VIEL Protein …
Nun ich weiß nicht, ob es Atkins jemals nach Deutschland geschafft hat, ich habe jedenfalls niemanden wirklich langfristig damit schlanker werden sehen. Einzige Ausnahme: eine Laborkollegin, die sich mehr oder weniger nur von Fleisch ernährt hat, aber gleichzeitig auch dreimal die Woche zum Power-Yoga gegangen ist. Ich bin mir nicht sicher, ob Atkins ihr wirklich zu einer hervorragenden Figur verholfen hat.
Das amerikanisch Obesity Problem
Und da sind wir auch schon bei dem amerikanischen Obesity Problem.
No Fat, Low Fat, No Carb, calorie free und doch, alle sind dick oder wenigstens „at risk of obesity“! Wie geht das zusammen?
Think BIG
Ein Faktor ist bestimmt das “think big”. Bei Allem. Big Project, big Burger, big Coke. Einer meiner Kollegen kam jeden morgen mit einem Big Glup Slush ins Labor. Das ist Diet Pepsi mit gestoßenem Eis, 0,7 Liter.
Think Big.

Zwar weiß ich, dass Diet Pepsi oder Coke eigentlich keine Kalorien hat, komischerweise werden die Leute trotzdem dick davon. Vielleicht verlangt der Körper früher oder später auch nach „richtigem“ Zucker, wenn er die ganze Zeit Süßkram zugeführt bekommt, der gewünschte Energieschub aber ausbleibt.
Die Gefahr lauert im Supermarkt
Zweitens: die Supermarktregale sind voll von präparierten Lebensmitteln. Reihe für Reihe finden sich Tüten mit bereits zubereiteten Dinner- und Lunchgerichten, Snacks, alles verzehrbereit mit viel Salz und Zucker, damit das Ganze auch schmeckt und Zeit einspart.
Und diese hoch-industriell hergestellten Lebensmittel sind meist günstiger als alles unpräparierte Obst-Fleisch-Gemüse, das sonst im Supermarkt zu kaufen ist. Da wird schnell klar, dass die finanziell knapperen Familien auch gleichzeitig zu den Bevölkerungsschichten der USA mit dem Größeren „Obesity-Problem“ gehören.
Don’t forget to MOVE
Drittens: mangelnde Bewegung. Dabei kommt der Bostonier als Nutzer öffentlicher Verkehrsmittel noch recht gut weg. Es gibt Bundesstaaten, in denen Gehwege nicht existent sind (North Carolina) und jeder auch nur erdenkliche kurze Weg per Automobil zurückgelegt wird oder werden muss. Fahrradfahren ist auch nicht gerade, was in Boston üblich ist.
Und dann das Fernsehen: da sitzen Jane & John Doe eben schnell mal für 3 Stunden am Abend, gerne mehr[1].
Was sind denn gute Lebensmittel?
Als viertes die Frage: Was sind gute Lebensmittel?
Da gehen die Ansichten ein wenig auseinander. Z. B. bekam unser Sohn Oliver in der Tagesstätte Obst und Cracker als Snack zwischen den Mahlzeiten. Obst ist Klasse, aber welcher deutsche Kindergarten würde Cracker als gesunde Zwischenmahlzeit vorschlagen? Oliver hat die Goldfish- und Graham-Cracker-Zeit sichtlich genossen und obwohl er damals noch sehr klein war, berichtet er manchmal noch darüber wie er mit seinen Freunden Gabriel und David Goldfish gegessen hat. Ganz zu schweigen davon, dass der erste Zwei-Wort-Satz unsers US-geprägten Sohnes „Cracker more!“ war.
Wie lässt sich aber nun das „Jeder-ist-Fett-Problem“ vermeiden?
Ich weiß es nicht und ich habe bestimmt noch 100 weitere wichtige Faktoren, die ich in meiner persönlichen Liste nicht berücksichtigt habe. Deutlich ist auf jeden Fall ein Trend, der sich auch in europäischen Ländern widerspiegelt: Viel Junk-Food in Kombination mit wenig Bewegung.
Warum nehme ich denn so zu?
Zu guter Letzt meine persönliche Erfahrung mit der US-Diät.
Sie kommen in ein neues Land und natürlich probieren Sie erstmal alles Tolle und Neue aus. Das trifft auch auf Lebensmittel zu. So gab es bei uns zu Anfang immer Toast und Bagel zum Frühstück, manchmal Müsli und natürlich Milch. Einladungen bei Freunden oder Nachbarn sind äußerst Fleisch beladen („come on over for Barbeque“). Keinen Monat später hatte ich mächtig zugelegt. Kein BH passt mehr, meine Taille ist verschwunden und dafür ist ein kleiner Rettungsring an ihre Stelle getreten. Dabei esse ich gar nicht viel, gehe immer zu Fuß zur T und bin auch sonst in Bewegung.
Bin ich schon wieder schwanger?
Was mich stutzig macht ist die massive Zunahme meiner Oberweite. Nicht, dass ich noch nie zu oder abgenommen hätte, aber das präzise Zu- oder Abnehmen an der Oberweite war mir bisher unbekannt. Ich versuche es mit weniger Essen, mehr Sport. Das hilft aber nicht. Ich frage mich im Stillen ob ich vielleicht ungeplant schwanger bin …
Meine Schwester erlöst mich endlich: “Probier mal Obst zum Frühstück, egal wie viel, aber nix anderes vor dem Mittagessen. Esse so wenig präparierte Lebensmittel wie nur möglich, verzichte auf Fleisch.”

Ich bin tapfer und halte durch. Es wirkt. Ich nehme tatsächlich wieder meine europäischen Formen an. Fast: Nur meine Oberweite bleibt. Ich bekomme sie nicht weg, fühle mich als wenn ich im dritten Monat schwanger wäre. Woher kommt das nur?
Hormone in der Milch? Wirklich!
Irgendwann probiere ich mal Sojamilch aus. Okay das schmeckt sehr „anders“ als die gute alte Kuhmilch, aber nach kurzer Zeit geht auch mein „aufgeblasener“ Busen wieder in seine Ausgangsform zurück. Den Rest meines USA-Aufenthalts verbringe ich mit Tonnen von Obst und Gemüse (dank Haymarket sogar bezahlbar) und Sojamilch (gibt es übrigens auch in Vanille Geschmack, falls man den Sojageschmack gar nicht ab kann[2]).
Geraume Zeit nach der Rückkehr nach Deutschland lese ich einen Artikel im Bosten Globe:
Garelick und Hood, die beiden großen Milchabfüller in MA wollen nur noch Milch von Bauern abnehmen, die keine Wachstumshormone zur Aufzucht ihrer Kälber und Kühe verwenden. Der Grund: der Anteil von sogenannter „organic milk“ ist über 20% angestiegen und die normale Milch verkauft sich nicht mehr so gut.
Hmm? Sollten Wachstumshormone in der Milch (und im Fleisch?) der Grund für die üppige Oberweite gewesen sein? Möglich ist es schon. Ach übrigens: die USA sind das Land mit der höchsten Brustkrebsrate weltweit. Ob da das eine mit dem anderen zusammenhängt?
[1] Ich weiß nicht, ob es Untersuchungen gibt, wie sich die Zeit der Essenszubereitung zur Zeit, die aufgewendet wird TV zu sehen antiproportional verhält. Wäre aber durchaus möglich.
[2] Hinweis: ich berichte hier über Sojamilch aus dem Jahr 2003. Inzwischen ist der Markt an veganen Milkalternativen nicht nur in den USA gewachsen. Sojamilch und Hafermilch sind echte Alternativen, die sehr gut schmecken. 2003 war das noch eher gewöhnungsbedürftig…


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