Henriette in Boston (20) • School’s out for summer

Wir hatten das Thema Feiertage schon einmal: Deutschland, das Land der maximalen freien Tage und Urlaubstage. Mag sein. Trotzdem gibt es in den USA ein Phänomen, das es in Deutschland nicht gibt: School’s out for summer!

Ich rede nicht von sechs Wochen Sommerferien – nein, ich spreche von drei Monaten ohne Vorlesungen, ohne Schule. Sind Sie Professor oder Dozent an der Uni, können Sie einen sogenannten 9/12‑Vertrag erhalten. Sie bekommen neun Monate Ihr Gehalt und verbringen dann den Sommer unbezahlt in der Toskana oder auf einer Rinderfarm in Texas.

Chic, wenn man Uniprof ist. Dann rechnet sich dieser lange arbeitsfreie Sommer, der völlig ohne Unterrichtsdruck, Klausurenkorrektur oder Studentenbetreuung abläuft. Arbeitet man hingegen als Postdoc oder Grad Student im Labor, wird man sich wohl kaum den ganzen Sommer freinehmen – neun bezahlte Monate von zwölf sind da ein bisschen wenig. Aber auch hier wird der Arbeitsrhythmus dem abwesenden Prof angepasst.

Ein Beispiel: In den Harvard Biolabs findet jedes Jahr der schon traditionelle Rhino Cup statt. Das ist ein Volleyballturnier, an dem alle Lehrstühle und Arbeitsgruppen der Biolabs sowie des angrenzenden Zentrums für Molekulare Biologie teilnehmen. Gespielt wird ein- bis zweimal die Woche, solange, bis der Sieger feststeht. Das Volleyballfeld liegt direkt vor dem Labor. Also: PCR ansetzen, eine Stunde Volleyball spielen und mit den anderen Arbeitsgruppen rumhängen, dann zurück ins Labor und die Ergebnisse prüfen.

Das macht die Wissenschaft bestimmt nicht schlechter – ganz im Gegenteil. Zwischen Schmetterball und Aufschlagwechsel ist immer Zeit, Kontakte zu knüpfen, die auch für die Forschung wichtig sind.

Ich schweife ab!

Keine Schule im Sommer …

Was machen nun aber all die Eltern? Sie erinnern sich: Es gibt keine Schule während des Sommers. Juni, Juli und August sind frei. Und die Eltern können sich wohl kaum drei Monate Auszeit gönnen.

Eine Art „Kinderland‑Verschickung“ setzt ein. Zeltlager, Summer Schools und alle möglichen Aktivitäten werden in den Ferien angeboten. Und so mancher 9/12‑Prof vergnügt sich im Sommer mit Zehnjährigen in seinem Labor und zeigt ihnen, wie großartig Meeresbiologie sein kann. Oder die Polizei erklärt, was sie so den ganzen langen Tag macht.


Hier ist ein kurzer, lektorierter Text im Stil deines bisherigen Blogs, passend zu Tonfall, Rhythmus und Perspektive der anderen Beiträge:


Woher kommt die Summer Break?

Wenn man zum ersten Mal hört, dass amerikanische Kinder drei Monate Sommerferien haben, denkt man automatisch an Landwirtschaft, Heuernte und Kinder, die auf dem Feld helfen mussten. Klingt logisch – ist aber falsch. Die berühmte summer break hat ihren Ursprung nicht auf dem Land, sondern in den Städten.

Im 19. Jahrhundert gab es in den USA nämlich keinen einheitlichen Schulkalender. Auf dem Land wurde im Winter und Sommer unterrichtet, weil Frühling und Herbst für die Feldarbeit gebraucht wurden. In den Städten dagegen liefen Schulen fast das ganze Jahr – über 240 Tage Unterricht, oft in überfüllten, schlecht belüfteten Klassenzimmern. Und dann kam der Sommer. Ohne Klimaanlagen, ohne Ventilatoren, dafür mit stickiger Hitze und einer ordentlichen Portion Typhus, Cholera und anderen „Sommerfreuden“. Wohlhabende Familien flohen in dieser Zeit ohnehin aus der Stadt, und die Schulen waren halb leer.

Bildungsreformer wollten Ordnung in dieses Chaos bringen und ein landesweit einheitliches Schulsystem schaffen. Also übernahm man das Modell der städtischen Sommerpause – nicht aus pädagogischen Gründen, sondern weil es schlicht zu heiß war, um Kinder in Klassenzimmer zu stecken. So wurde aus einem improvisierten Gesundheits- und Hitzeproblem ein amerikanisches Kulturgut: drei Monate Sommerferien.

Heute weiß kaum jemand, dass die summer break nicht romantisch, sondern praktisch entstanden ist. Aber vielleicht erklärt das, warum sie so hartnäckig überlebt hat – und warum Juni, Juli und August in den USA bis heute heilig sind.



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